Vergesst Exupéry: Warum Sehnsucht nicht vorwärts bringt

Große Tafel, die auf dem Boden steht, und auf der etwas vom Schiffsbau geschrieben steht.„Wenn Du ein Schiff bauen willst, dann trommle nicht Männer zusammen, um Holz zu beschaffen, Aufgaben zu vergeben und die Arbeit einzuteilen, sondern lehre die Männer die Sehnsucht nach dem weiten, endlosen Meer.“

 

 

Dieses Zitat wird dem französischen Schriftsteller Antoine de Saint-Exupéry zugeschrieben. Es ist beliebt, weil es inspiriert, und wird gerade deshalb immer wieder für Präsentationen, Reden und Workshops bemüht. Nur leider bringt dieses Zitat keinen Schritt weiter.  Niemanden.

Sehnsucht allein reicht nicht

Der Spruch erinnert nicht nur daran, dass es wichtig ist, die Leute zu inspirieren. Hier wird Sehnsucht zur einzigen Quelle, zum alleinigen Antrieb für ein großes Projekt erhoben. Das Problem mit der Sehnsucht ist aber: Sie kann genauso gut dazu führen, dass die Truppe mit einem ferngesteuerten Boot am See sitzen bleibt und spielend weiter vom Meer träumt. Denn das klappt auch wunderbar, ganz ohne Umsetzung.

Überhaupt, die Sehnsucht. Was für ein Begriff. Ein irgendwohin-Wollen, ein Schmachten. Sehnsucht ist irgendwie subtil, jedoch allgegenwärtig und anhaltend. Sie schmerzt und wartet doch auf Erfüllung, auf Erlösung. Sie erhofft eine Richtung. Denn die gibt sie nicht vor. Sehnsucht hat keinen Schub, keine Dynamik. Was fehlt, ist die Vorwärtsbewegung.

Was treibt Unternehmer an?

Auf die Frage, was Unternehmer zu ihren Projekten treibt, gibt es viele Antworten. Die Lust auf Neues. Der Wunsch, etwas zu schaffen. Manchmal auch die pure Notwendigkeit: „Es muss halt gemacht werden.“ Den Begriff „Sehnsucht“ habe ich in diesem Zusammenhang noch nie gehört.

Unternehmer haben keine Sehnsucht nach einem Ziel oder Zustand oder einer Vision. Zumindest nicht am Anfang. Obwohl die Vision im theoretischen, im idealen Raum von der Beraterwelt häufig gefordert wird, spielt sie meiner Erfahrung nach eine nachgelagerte Rolle. Sie entsteht beim Vorwärtskommen. Das heißt natürlich nicht, dass die Vision an sich unwirksam wäre. Jedoch muss es noch einen anderen Antrieb geben, der Projekte entfesselt, Teams zusammenführt und zusammenhält.

Nicht das richtige Werkzeug

Saint-Exupéry soll mit seinem Zitat demjenigen helfen, der Unterstützer gewinnen will. Ist Sehnsucht aber dazu geeignet? Für ihn selbst ist die Sehnsucht sein stärkstes Werkzeug. Aber ist sie auch das stärkste Werkzeug für Projekt-Lostreter, für Vorwärtsbringer?

Ich kann ich mich an keinen Projekt-Starter erinnern, der nicht auch Holz beschafft, Aufgaben vergeben und Arbeit eingeteilt hätte. Es kann also gut sein, dass wir dem Rat eines Schriftstellers aufsitzen, der selbst noch kein Schiff gebaut hat. Ganz nach dem Motto: Wer nur den Hammer kennt, für den ist jedes Problem ein Nagel.

Bild: © Torsten Herzberg

Autor: Dr. Torsten Herzberg · Datum: 05. Januar 2015
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